19. Die Flucht nach Ägypten

(Mt 2)

 

I Ein Engel fordert Joseph auf, nach Ägypten zu fliehen

Siehe, da erschien dem Joseph im Traum ein Engel des Herrn und sprach: «Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten. Bleibe dort, bis ich dir Weisung gebe. Denn Herodes wird nach dem Kinde suchen, um es zu ermorden. »

Sammle dich, und begib dich zum heiligen Joseph. Die Ereignisse, die du heute betrachtest, zeigen dir, daß Gott als unumschränkter Gebieter die Seelen leitet, die sich Ihm hingeben.

Ein Engel übermittelt dem heiligen Joseph einen Befehl, und zwar einen Verbannungsbefehl. Erwäge wohl, was das besagen will: Der himmlische Vater schickt seinen einzigen Sohn in die Verbannung! Mit einem Wort hätte der Allmächtige dessen Feinde vernichten können, und dennoch gibt Er seinem Sohn den Befehl zur Flucht.

Dieses Geheimnis enthält eine Lehre für dich. Der himmlische Vater will dir dadurch zeigen, daß du dich, ohne zu grübeln und ohne zu fragen, der Leitung seiner Vorsehung überlassen sollst.

Wie verhält sich der heilige Joseph? Er hört aufmerksam dem Engel zu, und sobald er begriffen hat, was Gott von ihm verlangt, gehorcht er ohne Zögern. Er ist der Vollstrecker der Befehle seines Herrn und will nichts anderes sein. Führe dir alle Gründe vor, die er hätte geltend machen können, um die Abänderung einer solchen Bestimmung oder wenigstens deren Aufschub zu erwirken. Joseph denkt nicht einmal daran. Die unendliche Weisheit Gottes tritt bei ihm an Stelle jeder persönlichen Erwägung. Er handelt, weil Gott es so will. Das Befehlen steht Gott zu, dem Menschen ziemt Unterwerfung. Der Knecht soll in Abhängigkeit von seinem Herrn leben. Solche Gedanken sind dem heiligen Joseph geläufig. Solche Überzeugungen bilden die Richtschnur seines Lebens.

Betrachte auch, wie die liebende Vorsehung des ewigen Vaters den Gefahren zuvorkommt, welche seinen vielgeliebten Sohn bedrohen. Bevor Herodes seine ruchlose Tat befiehlt, sendet Gott einen Engel, der die Seinen auf die Gefahr aufmerksam macht.

Erwarte aber von Gott nicht gleich ein Wunder, um dich aus einer Gefahr zu retten. Wie der heilige Joseph und die allerseligste Jungfrau sollst auch du die zur Verfügung stehenden Mittel anwenden und das tun, was dir möglich ist, um dich zu retten.

 

II Maria und Joseph fliehen mit dem Kinde

Da stand er auf, nahm noch in der Nacht das Kind und seine Mutter und zog nach Ägypten.1

Betrachte, was der heilige Joseph in der eiligen Vorbereitung zur Abreise tut, was er denkt und zu Maria sagt. Maria und Joseph sind hier die ersten Vorbilder des evangelischen Gehorsams.

Wohin werden sie geschickt? Nach Ägypten, dem Land der Abgötterei. In diesem heidnischen Land herrschen Wollust, Stolz und Unwissenheit. Maria bringt ihren Sohn in ein Land, das in der Finsternis des Heidentums liegt, damit es zum Schauplatz göttlicher Wunderwerke werde.

O meine Seele, auch dir bringt Maria ihren göttlichen Sohn. Um dich zu finden, ist Jesus zum Flüchtling geworden. Er folgt dir in das Land der Verbannung, wo die Sünde dich gefesselt hält. Erhebe dich aus dem Staub, eile deinem Heiland entgegen, zerstöre die Götzenbilder in deinem Herzen und unterwirf dich Ihm ganz.

Was bietet Gott dem heiligen Joseph an, um ihm das Opfer zu versüßen? Der Engel hat ihm gesagt: «Nimm das Kind und seine Mutter!» Liegt in der Gesellschaft Jesu und Mariens nicht in Wahrheit alles, dessen er bedarf, um die schwierigsten Opfer zu bringen, die mannigfachen Entbehrungen der Armut mit Frohlocken zu ertragen und die Leiden einer langjährigen Verbannung zu erdulden? Der Ort, wo ich sicher bin, Jesus und Maria zu finden, ist kein Verbannungsort mehr, sondern die Heimat. Auch der heilige Joseph wird nichts von dem, was er in Nazareth verläßt, vermissen, da er Jesus und Maria mit sich nimmt. Strebe danach, dir die Gesinnungen des heiligen Joseph anzueignen. Begleite ihn auf der Flucht, und bete Jesus auf seinen Armen an.

1 Von den Gebirgen Judäas aus genügen drei Tagereisen, um die Grenzen Ägyptens zu erreichen.

 

III Der Aufenthalt in Ägypten

Dort blieb er bis zum Tode des Herodes.1 So sollte in Erfüllung gehen, was der Herr durch den Propheten gesprochen hatte: «Aus Ägypten habe ich meinen Sohn berufen.» 2

Betritt mit Maria und Joseph das bescheidene Haus, das sie während ihrer Verbannung bewohnen. Es entspricht ihrer Armut. Verehre liebevoll die Mauern, die Zeugen der Leiden des göttlichen Kindes sind. Hier wird dein Heiland um deines Heiles willen harte Entbehrungen ertragen. Er räumt dir gern einen Platz in dem Haus der leidenden Armut ein. Wohl gibt es in der Verbannung viele Demütigungen und beschwerliche Arbeiten. Aber sie hat auch ihre Freuden, du darfst an ihnen teilnehmen und ihre Süßigkeit verkosten. Bitte Maria und Joseph, dein Herz für die Gnaden vorzubereiten, die deiner harren.

Die wahren Freuden bestehen nicht in den Zerstreuungen, welche die Welt bietet. Um die Seinen zu erfreuen, braucht Gott ihnen die Prüfungen des Lebens nicht zu ersparen. Er tut Größeres: Er lehrt sie, diese Prüfungen zu lieben. Ihre Dauer erscheint ihnen kurz, und das Leiden verbannt die Freude nicht aus ihren Herzen. Verlange sehnlich, dies an dir selbst zu erfahren! Auch für dich soll gelten: Es kommt nicht so sehr darauf an, an welchem Ort und in welchen Bedingungen du leben mußt. Wenn du mit Jesus und seiner Gnade bist, wirst du immer glücklich sein.

1 Im Evangelium folgt hier die Erzählung vom bethlehemitischen Kindermord.

2 Nach einer zuverlässigen Überlieferung war es aus Heliopolis, dem heutigen Matarieh, zwei Stunden von Kairo entfernt. Dort befand sich eine jüdische Kolonie.