11. Die Erwartung der Geburt Jesu

(Mt 1)

I Die Beunruhigung des heiligen Joseph

Mit der Geburt Jesu Christi verhielt es sich so: Als seine Mutter Maria mit Joseph verlobt war, ergab es sich, daß sie empfangen hatte vom Heiligen Geist, noch ehe sie zusammenkamen. Joseph aber, ihr Mann, war gerecht und wollte sie nicht bloßstellen, und so gedachte er, sie still zu entlassen.

Begib dich im Geiste nach Nazareth in das Haus von Maria und Joseph. Nimm die Sorge und Bekümmernis wahr, unter denen Joseph leidet. Warum hat ihm Gott das Geheimnis der Mutterschaft Mariens nicht geoffenbart? Gott beruft Joseph zur Mitwirkung an seinen Heilsplänen, aber Er teilt sie ihm noch nicht mit. Der Mensch soll sich blind der Führung der göttlichen Weisheit überlassen. O meine Seele, laß dich vertrauensvoll von ihr leiten! Gott sorgt für dich; dir genüge es, für Ihn zu arbeiten.

Joseph wundert sich indes nicht, daß Gott solch schmerzliche Prüfungen selbst über seine treuesten Diener verhängt. Betrachte, wie er auch dementsprechend handelt. Er leidet, murrt aber nicht. Er betet und erwägt die Sache ruhig und ohne Überstürzung. Er erwartet Licht von oben und hofft zuversichtlich, daß Gott es ihm gewähren wird.

Auch Maria vertraut fest auf Gott. Obwohl sie mit Joseph schmerzlich mitleidet, hütet sie das göttliche Geheimnis der Menschwerdung. Sie übergibt alle Sorge dem Herrn im Vertrauen, daß Gott das Geheimnis ihrem Bräutigam zur rechten Zeit offenbaren wird. Glücklich die Seelen, die es verstehen, solche Prüfungen zur Verherrlichung Gottes auf sich zu nehmen. Der Herr wird es nicht unterlassen, sie hundertfach zu belohnen.

 

II Joseph wird durch einen Engel beruhigt

Während er sich mit diesem Gedanken trug, erschien ihm im Traum ein Engel des Herrn und sprach: «Joseph, Sohn Davids, scheue dich nicht, Maria, deine Gattin, zu dir zu nehmen. Denn was in ihr erzeugt worden ist, stammt vom Heiligen Geiste. Sie wird einen Sohn gebären, Dem sollst du den Namen Jesus geben, denn Er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden.»

Danke dem heiligen Joseph für seine liebevolle Rücksicht auf Maria und für sein lehrreiches Beispiel. Betrachte sein Verhalten gegenüber dem unerklärlichen Geheimnis. Seine Klugheit ist vor allem Liebe, von ihr läßt er sich leiten in den schwierigen Verhältnissen, in denen er sich befindet. Die Liebe unterdrückt bei ihm jede Regung der Bitterkeit.

Ein so liebevolles Verhalten belohnt Gott alsbald. Er schickt seine Engel jenen, die fest auf Ihn vertrauen. Höre, was der Engel zu Joseph sagt. Betrachte seine Worte im einzelnen, und lerne aus ihnen, daß der Mensch ein Werkzeug in der Hand Gottes ist. Gott hat dies alles vorausgesehen und vorbereitet. Die Seele Josephs wird mit höchster Freude erfüllt. Da nun Joseph vom Schlafe erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Gemahlin zu sich. Das kostbarste Gut auf Erden ist also Joseph zur Obhut anvertraut worden. Freue dich mit ihm und beglückwünsche ihn. Bitte ihn, er möge dich seiner heiligen Braut vorstellen und dich lehren, sie zu lieben wie er. Erahne die jungfräuliche Zartheit dieser heiligen Verbindung. Strebe nach großer Reinheit des Herzens, und bemühe dich zu erfassen, worin das wahre Glück hienieden besteht.